Familientraditionen oder wie das mit Dornröschen wirklich war

Weihnachtszeit, besinnliches Beisammensein mit den Kindern. Zwei Nähmaschinen rattern. Meine Maschine stickt Weihnachtsmotive in Delfter blau auf einen Tischläufer und die der Tochter tackert einen ausgefransten Hosensaum um. Das Kind probiert herum. Fragt als erstes nach dem Nahttrenner und kurz danach nach einem Pflaster. Ich schaue um die Ecke und sehe einen dicken Tropfen Blut, schreie „Weg vom Tisch“  Nicht etwa, weil es jemanden zu defibrillieren gäbe, nein, weil ich nicht möchte, dass Blutflecken auf die Stickerei kommen.

Dann saugen wir das Blut mit Toilettenpapier auf und die Tochter findet, der Finger werde dick. Darauf hin kühlt sie ihn unter fließendem Wasser, bis auch kein Blut mehr fließt. Ich hole Pflaster und mosere gerade, dass das Pflaster auf feuchter Haut nicht kleben werde. Da greift sich das Töchterlein an die Stirn, spricht : „mir wird schlecht“ und sackt auf die Rückenlehne der Couch. Ich zerre sie hintenüber auf die Polster, lege ihr die Beine hoch,  trotzdem kippen die Augen nach hinten, das Kind ist nicht mehr ansprechbar. Dahin ist die Besinnlichkeit, auch wenn meine Nähmaschine ungerührt weitertackert.

Ich rufe ihren Namen, sie zittert etwas, antwortet aber nicht. Ich rufe nochmal und patsche auf ihrem Gesicht herum. Endlich guckt sie wieder geradeaus und fragt, was passiert ist. Du bist umgekippt, sage ich wesentlich ruhiger als ich mich fühle. Vor Schreck heult sie los und ich sitze da und möchte gerade mitheulen.

Die Umkipperei in genau diesem Alter hat bei uns nämlich Familientradition. Mit dreizehn habe ich damals damit angefangen. Ich stand neben meiner hochschwangeren Mutter an der Supermarktkasse und platsch, weg war ich. Ich bin immer umgekippt, wenn ich vorher Fieber gehabt habe. meine Mutter, wenn sie Blut sah oder einen ordentlichen Schecken bekommen hatte, meine Oma, wenn sie Weihrauch roch und auch meine Tante kennt sich vorzüglich damit aus.

Die Krönung war, wie ich einmal nach einer durchfieberten Nacht vom Stuhl rutschte und meiner Mutter so einen Schrecken einjagte, dass sie ebenfalls aus den Latschen kippte. Meine Oma, die meine Mutter gerade zur Hilfe gerufen hatte, stand dazwischen und wusste nicht, wessen Beine sie nun hochhalten sollte und mein zufällig dazu gestoßener Cousin kommentierte die Szene mit „Sagt mal, spinnt ihr?“ Das war der Moment, in dem ich wieder zu mir kam.

Keiner braucht sich in dieser Familie also Sorgen machen, wenn ein Teenager zu Boden geht. Soweit die Theorie.

Mir allerdings gingen alle möglichen Szenarien durch den Kopf, während mein Verstand mit „kennen wir doch, kennen wir doch“ dagegen anbrüllte.

Höchstens 3 Sekunden war das Kind weg, aber mir kam es wie hundert Jahre vor. Und ich bin mir sicher, Das Märchen vom Dornröschen ist genauso entstanden.

~ von danielag - Dienstag, 17. Dezember 2013.

Eine Antwort to “Familientraditionen oder wie das mit Dornröschen wirklich war”

  1. Entschuldige bitte, aber ich musste grad beim Lesen sehr lachen. Und umgekippt bin ich als Teenager auch, bei schlechter Luft und zuviel stehen/rumlaufen. Beim ersten Mal in einem Kaufhaus bekam meine Mutter einen Schrecken, dann war klar, Kreilauf halt… alles normal.

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