Bodytalk

Wenn eine eine Hecke hat, dann muss sie sie auch schneiden. Meine Thuja-Hecke ist über zwei Meter hoch und etwa 25 Meter lang. Bisher habe ich schneiden lassen. Jedes männliche Wesen in meiner Umgebung, das keine ausreichend gute Ausrede hatte, durfte mal daran herumschnippeln. Die meisten hatten nach dem ersten Mal fortan eine gute Ausrede parat. Ein paar mal habe ich jemanden gefunden, der gegen Geld dazu bereit war, das Gewächs in Form zu bringen. Aber auch das ist ein gewisser Aufwand. Handynummern ändern sich und dann muss ja auch noch das Wetter am vereinbarten Termin mitmachen.

Gestern herrschte das perfekte Wetter, und die lila Latzhosenträgerin  in mir erwachte. „Es gibt zwar ein paar Dinge, für die ein Mann wirklich besser geeignet ist, aber  – Pfffft – so eine doofe Hecke zu schneiden gehört sicher nicht dazu!“ dachte ich und stand wenige Minuten später mit der elektrischen Heckenschere auf der Straße. Verlängerungskabel eingestöpselt und los!

Parallel zur Hecke von unten nach oben gezogen, kappte das Messer überstehendes Grün mit einem dezenten Brrrrt. Bis etwa in Hüfthöhe. Dann bemerkte ich, dass so eine Heckenschere ein Eigengewicht hat. Nicht viel Gewicht. Ein paar Kilöchen höchstens. Um den Bereich weiter oben zu scheren, stellte ich die Klinge senkrecht  und fuhr seitwärts durch’s Geäst. Um nach ganz oben zu kommen, musste ich das Ding schon recht weit heben und die paar Kilöchen machten sich deutlich bemerkbar.

Ich trat zurück und bewunderte mein Werk. Wunderbar! Fast ein Meter war geschnitten. Dann blickte ich an den restlichen 24 Metern der Hecke entlang, wog die Heckenschere in meinen Armen, bedachte, dass die Hecke auch noch eine Innenseite hat und eine Oberkante und  überlegte, wo ich doch noch einen Kerl herbekommen könnte, der gegen Geld, Nahrung oder so ziemlich alles, was er haben wollen könnte (jaaaaaaaaaaaaaaa, so ziemlich alles!!!!) den unwesentlichen Rest der Hecke schneiden würde.

Die Dame in der lila Latzhose schrie empört auf, ich schaute entschlossen drein und knöpfte mir den nächsten Meter vor. Und den nächsten und den nächsten. Junge kräftige Männer kamen vorbei und boten mir an —- in ihrem Garten weiter zu machen. Als die Außenseite fertig war, fuhr ich den Heckenschnitt zum Bauhof und dachte mir, dass ich mir die Innenseite ein andermal vorknöpfen könnte. Aber ich wusste genau, dass ich das nicht tun würde. Also schüttelte ich die tauben Arme aus und machte weiter. Die Oberkante hatte den Vorteil, dass ich die Heckenschere darauf ablegen konnte, wenn es gar nicht mehr ging. Und es ging ziemlich oft nicht mehr. Ein Nachbar – ein etwas älterer – kam und streckte mit ermutigendem Grinsen beide Daumen in die Höhe.

„Morgen werden meine Arme nicht mehr mit mir reden“, meinte ich und er – ebenfalls Gartenbesitzer – stimmte mir zu.

Wie haben wir uns geirrt!!!

Meine Arme reden mit mir. Seit gestern Abend. Ununterbrochen! Es begann mit: „Sag mal, hast Du sie noch alle?“ Es ging weiter mit: „Ist Dir klar, dass Du den Hauptteil Deiner wachen Zeit sitzend in einem Büro verbringst, die Hände auf einer Tastatur abgelegt – mit einem komfortablen Polster unter den Handgelenken? Wann hast Du uns zuletzt zu etwas Anstrengenderem als Geschirrspülen benutzt? Bist Du von allen guten Geistern verlassen?“  Ich setzte mich vor den Fernseher und versuchte das Gezetere mit einer Doku auf Phönix zu übertönen. Vergeblich. „Ist Dir eigentlich klar, wie alt Du dieses Jahr wirst? Und dass Du vom Joggen zwar viel redest, es aber nie tust? Ja, komm uns mit dem Tanzen. Klar machst Du das mehrmals die  Woche, aber bei der Salsa hebt Dir ja Dein Tanzpartner die Arme über den Kopf. Dein Job besteht darin, sie locker zu lassen, damit es nicht klemmt.“ Ja, tanzen gehen wollte ich auch gestern Abend. Eine Salsaparty bei uns im Ort. Selten und zu Fuß zu erreichen, doch meine Arme lästerten nur hämisch. „Versuch doch mal Dich umzuziehen. Ohne uns jedenfalls! Schon mal ne Strumpfhose mit den Zähnen hochgezogen? Und Deine Handtasche kannst Du Dir um den Hals hängen. Wir tragen heute nix mehr, was schwerer ist als das Glas mit der Magnesiumtablette drin. Und selbst dafür brauchst Du uns beide. Tanzen gehen , hahaha…“

Ich resignierte, richtete mich vor dem Fernseher ein und hoffte, dass meine Arme irgendwann die Klappe hielten. Das taten sie tatsächlich irgendwann und ich ging ins Bett. Nach nur wenigen Stunden Schlaf bin ich wieder aufgewacht.

Mein Rücken! Er brüllt mich an. Und was der von sich gibt, ist nicht zitatfähig. Hier könnten ja Kinder mitlesen oder zart besaitete Gemüter. Ich habe die Musik laut aufgedreht, damit ich es nicht hören muss. Der Dame mit der lila Latzhose hab ich gesagt, dass sie einfach nur die Fresse halten soll oder war das mein Kapuzenmuskel?

~ von danielag - Sonntag, 23. Juni 2013.

6 Antworten to “Bodytalk”

  1. In zwei, drei Jahren wird David groß genug sein, um diese Männerarbeit tun zu können. Du kannst dich dann entspannt zurück lehnen und von den Zeiten erzählen, als du das alles noch selbst gemacht hast.
    Oder du brennst die Hecke nieder und baust einen super Zaun.

  2. Macht ja nix, wenn die Hecke bis dahin nicht mehr geschnitten wird, oder?

  3. Aber nein, er ist dann ein Halbstarker, der vor lauter Kraft kaum weiß, wohin damit – die Hecke bis dahin wachsen zu lassen hat einen therapeutischen Hintergrund!

  4. Nur so am Rande, mittlerweile nörgeln die Bauchmuskeln leise vor sich hin. Ich übertöne das einfach mit laut krachenden Tortillachips…

  5. Saugut! Selten nach einer so plastischen Schilderung so schadenfroh vor mich hin gegrinst😉.

  6. Wundervoll🙂. Und dir ist ja klar, das eine frisch geschnittene Hecke mit neuer Kraft auftreibt, oder…? Aber die Lady in der lila Latzhose ist stolz auf dich und wird dich in einem Jahr wieder nötigen😉

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