Aus gegebenem Anlass

Hat sich doch tatsächlich jemand gewagt, auf meiner Über mich-Seite zu bemängeln, dass meine Haltung nicht aus einem Guss sei, weil ich einerseits verlange, dass Männer, die sich ihr bestes Stück rasieren, bitte Sonnencreme benutzen mögen, damit mir der Anblick von Sonnenbränden an obskuren Stellen erspart bleibe, andererseits berichte ich über kotzende Katzen, Herpesbläschen und andere unschöne Dinge.

Ja nun, so ist das Leben nun einmal. Jemand der verlangt, Menschen mögen rundherum aus einem Guss sein, verlangt eine Facettenlosigkeit, die zum Einen todlangweilig ist und zum anderen mit dem Leben und seinen  Anforderungen nicht kompatibel ist.

Morgens um 8 wache ich als Mutter auf, helfe, Turnschuhe zu suchen, nähe mal eben schnell ein Loch in einer Lieblingshose zu, bringe zwei Kinder dazu, etwas halbwegs Angemessenes anzuziehen, stolpere über hungrige Katzen, und greife im Vorbeigehen noch Unterlagen für’s Finanzamt, die in den Briefkasten müssen, werfe einen bedauernden Blick auf den verlotterten Garten, beschließe aber, dass es wichtiger ist, mal wieder was zu bügeln, weil wir sonst nur noch im Knitterlook herumlaufen müssen. Das ganz normale häusliche Chaos also

Dann komme ich im Mitarbeiter-Modus in Bluse und Blazer ins Büro, gebe mich organisiert, struktuiert, engagiert. Halte Termine, bin gründlich und effizient. Um zwanzig nach vier verlasse ich unter dem irritierten Blick des Geschäftsführers ein nicht pünktlich beendetes Meeting, fluche auf dem Heimweg über den Stau, und hole unter dem irriterten Blick der Erzieherin meine Kinder um drei nach fünf aus dem Hort.

Dann wird eingekauft (Tochter will Nudeln mit Pilzsoße, Sohn schreit Bäh beim Gedanken an Pilze.) Während ich versuche, den Einkaufszettel abzuarbeiten, werde ich im 3 Sekunden Takt auf unwiderstehliche Angebote aufmerksam gemacht. Am Ende habe ich dann doch das Klopapier vergessen.

Zu Hause ein Blick auf das allgemeine Chaos und die Erinnerung daran, dass seit gestern gewaschenen Wäsche in der Waschmaschine dümpelt. Jetzt muss aber erst mal schleunigst was zu Essen her. Sollte es Hühnerfleisch geben, ist während des Kochens noch auf Katzen mit kriminellen Energien zu achten. Nicht daran zu denken, mal eben die Waschmaschine auszuräumen. Den Kindern fällt ein, dass sie noch Hausaufgaben zu machen haben und ich bekomme seitenlange Informationsbriefe von unausgelasteten Klassenlehrerinnen unter die Nase gehalten, soll mir sofort 3-17 Termine merken Anwesenheit schriftlich ankündigen, Geld in Briefumschläge stopfen. So lange kocht das Nudelwasser über und ein Katzentier pirscht aus nördlicher Richtung an das Hühnerfleisch heran. Ich rette unser Abendessen, falle über strategisch platzierte Turnbeutel und schließe den Froster, der (um himmels Willen seit wann?) versucht, die Küche auf -18 Grad zu bringen. Dann klingelt das Telefon und ich soll mich dafür rechtfertigen, warum ich nicht mal eben 10 Minuten Zeit für eine „Umfrage“ habe. Die Kinder sind sauer, weil der Ferni ausbleiben soll und schleichen ähnlich penetrant wie die Katzen um das Huhn um den Schrank mit den Süßigkeiten. Der Essig für den Salat ist alle und kein Kindelein lässt sich erweichen, bei Nachbarns zu klingeln. Mitten in der Diskussion wieder das Telefon. Meine Weigerung, Geld zu sparen, indem ich den Telefontarif wechsle fällt kurz angebunden aus. Die Nachbarin klingelt und behauptet, ich habe am Samstag die Treppe nicht geputzt. Stimmt, aber ich kann ihr ja schlecht sagen, dass mir das völlig egal ist. Also gelobe ich Besserung – und vergesse es gleich wieder und mich mit, weil schon wieder das Telefon klingelt. Nein, ich bin nicht Daniela G.  ich bin vom Katastrophenschutz und suche nach Überlebenden in den Trümmern von Frau Gs Haus. Nein, sie brauchen nicht nächste Woche wieder anzurufen. Auch nicht wenn Frau G die Chance auf einen Millionengewinn nicht nutzt. Wir wissen ja nicht mal, ob es sterbliche Überrreste zu bergen gibt.

Mama, Du spinnst, sagen die Kinder. Ja, sage ich, und das ist auch gut so. 

Zurück in der Küche denke ich, dass ich schwören könnte, dass das mehr Fleisch gewesen ist und wundere mich, dass die Katzen sehr träge herumliegen und sich die Schnautzen lecken. Während ich die angebrannten Nudeln aus dem Topf kratze, will ein Kind, dass ich seine Rechenaufgaben kontrolliere, das andere singt zum zigsten Mal den Refrain von „Puff the magig Dragon“ Das Telefon klingelt. Keiner geht dran. Meine Mutter wird sich sehr wundern, wo wir um diese Zeit stecken könnten. Ach nee, ist bloß der Psychiater, der dran erinnert, dass ich noch eine Überweisung schicken muss. Kein Problem, wenn ich sie bloß wiederfinde. Kurz vor dem Schlafengehen reinige ich noch ein ‚Terrarium und sehe danach aus wie ein Erdferkel. Die Wäsche fällt mir erst ein, als ich schon im Bett liege. Ein paar Tage später werde ich sie nochmals waschen, weil sie olfaktorisch unzumutbar geworden ist. Bis dahin läuft oben der Wäschekorb längst über und ich habe bei Aldi neue Pullis für alle gekauft, einfach, weil ich sie nicht bügeln muss. Wir kriegen auch kaum Ausschlag von den Chemikalien, die in den neuen Klamotten hängen.

Am nächsten Tag erscheine ich wieder mit Föhnfrisur und Hosenanzug im Büro, ordne und sortiere, fordere zeitkritische Daten ein, und lächle auch dann noch freundlich wenn der Herr Geschäftsführer jovial lachend in meiner persönlichen humorlosen Zone herumwitzelt. Bemühe mich um gepflegtes Englisch, bringe Excel-Makros zum Laufen und kriege trotz zahlreicher Unterbrechungen irgendwie eine Vorkostenkalkulation in einen halbwegs glaubhaften Zustand. Dass sich die Anforderungen des Kunden danach völlig verändern werden nehme ich gelassen hin (also sagen wir mal, ich zertrümmere keine Möbel) fange von vorne an, erreiche die Hälfte der dazu benötigten Kollegen nicht und hole meine Kinder fast pünktlich aus dem Hort. Eines hat Fieber und muss zum Arzt, das andere erinnert sich plötzlich daran dass es am nächsten Tag eine Mathearbeit schreibt und noch heftigen Lernbedarf hat.

Dazu ich aus einem Guss? Nee, wirklich nicht. Hier braucht es Sollbruchstellen, Dehnfugen und Material mit verschiedensten Eigenschaften. Nachgiebig wie Kupfer, spröde wie gehärteter Stahl, klar wie Glas und dann wieder undurchdringlich wie Pechblende.

Nee Leute, mich aus einem Guss gibt es nicht. Sonst hätte es mich längst zerrissen. Nix für ungut, „Knut“.

Hugh ich habe gesprochen!

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~ von danielag - Sonntag, 22. November 2009.

6 Antworten to “Aus gegebenem Anlass”

  1. So laut habe ich lange nicht mehr vor dem Rechner gelacht. Vielen Dank 🙂

  2. Dem ist nichts hinzuzufügen.

    q.e.d.

  3. Super! Danke!

  4. Toller Artikel.

  5. G E N I A L !!! Danke 😀

  6. Toll geschrieben.

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