Rätsel, die vermutlich nie gelöst werden

Das ist ein Bruch, oder wenigstens ein Haarriss im Sprunggelenk, sagt der kleine gut gefütterte griechische Assistenzarzt beim Beäugen meines Knöchels. Quatsch, sage ich, das ist ne Zerrung, oder vielleicht eine Bänderdehnung, mehr nicht, sage ich. Weil ich nämlich überbeweglich bin und mehr nicht bei mir passiert. Gucken Sie mal, sage ich und biege meinen Daumen bis an den Unterarm. Der kleine Grieche – richtig, bei Harald Schmidt habe ich de schon mal gesehen – ist unbeeindruckt. Kann ich auch, sagt er und macht das Kunststück nach. Das ist schon ganz praktisch, denn, ich falle ja mit 130 Kilo. Ich tu mir auch nie was. Aber ich klettere auch nicht. Dann will er erst mal meinen gesunden Fuß sehen. Biegt dreht, macht beides gleichzeitig. Ja, das ist wirklich sehr beweglich, meint er dann  mit immerhin einem Hauch von Eindruck im Ausdruck.

Dann ziehe ich den rechten Socken aus und ein breites, fast zufriedenes Grinsen erhellt sein Gesicht.

Das da – er fasst meinen Knöchel nicht mal an – ist eine bitterböse Schwellung. Ich gucke und staune. Die Zeit in diversen Wartezimmern ohne Kühlung und Hochlagerung hat einen richtigen Elefantenfuß kreiert (schreibt man das so?) Gebrochen ist der. Gebrochen mit einem leicht rollenden r. Ach was, meine ich. Gebrrrrochen, doch, doch. Irgendwie hat der Grieche was von meinem Cousin, mit dem ich auf langen Autofahrten das lustige „Nein! Doch! Spiel “ auf der Rückbank gespielt habe, bis man richtig sehen konnte, wie meine Tante (seine Mutter) überlegte, uns auf irgend einer Raststätte in Frankreich zu vergessen. (Babyklappen und E-bay waren damals noch nicht populär!)

Bänderdehnung! murmele ich. Gebrochen! zischt er. Dann verschwindet er im anderen Sprechzimmer und ich im Röntgenbereich.

Mein Fuß wird in allen möglichen Richtungen gedreht und gewendet. Wahrscheinlich hat der Kerl der Röntgenassistentin gesagt, dass es nichts macht, wenn sie mir den Knöchel bricht.

Nach Ende der Aufnahmenserie frage ich mich, ob ich nun eine solche Strahlendosis abbekommen habe, dass ich meinen rechten Fuß in den nächsten Wochen als Leselampe nutzen kann. Hochlagern soll ich ihn sowieso und – erwähnte ich schon, dass ich überbeweglich bin?

Die Auswertung der Bilder dauert ewig. Wahrscheinlich sucht er verzweifelt nach irgendetwas, das man als Haarriss auslegen könnte. Dann kommt er ziemlich fröhlich ins Sprechzimmer. Na, Sie haben vielleicht ein paar Knochen, meint er. Mein Wadenbein ist im Bereich des Gelenkes wohl extrem dünn. Wusste ich es doch, irgendetwas fragil,-elfengleiches habe ich. Und wenn es nur mein Wadenbein am Knöchel ist.

Sowas könnte wirklich leicht brechen. Hellas scheint verwundert. Und nochmals blinzelt er aus nächster Nähe auf die Aufnahmen. Ätsch, denkt die Wadenbeinelfe. Nix!

Er holt den Cheffe. Der wirft einen Blick auf die Bilder, dann einen auf meinen äußerlich nicht ganz elfengleichen rechten Knöchel und zuckt die Schultern. Das ist die klassische Schwellung nach einer Bandruptur. Und sehen Sie, er schaut mich mitleidig an und sagt zu mir: das tut jetzt etwas weh und kippt den Fuß in alle möglichen Richtungen. Ich schaue interessiert zu. Fragender Blick. Tut nicht weh meine ich wahrheitsgetreu. Er rüttelt und schüttelt den Fuß in gefühlte 4 Dimensionen. Das ist ja total instabil.

Ha sagt der kleine Grieche. Das ist der Andere auch. Und er macht lustige Dinge mit dem gesunden Fuß. Cheffe stutzt, biegt den linken Fuß einwärts und zieht ihn nach oben und unten. Die junge Frau ist nämlich überbeweglich. Für diesen Satz in seiner Gesamtheit könnte ich glatt über den Faktor 2-3 in seinem BMI hinwegsehen.

Doch der durchaus schlanke Cheffe macht sich unbeliebt. Ja, und weil die junge Frau ihre Überbeweglichkeit sicher noch ein paar Jahre für sehr eigenartige Sportarten nutzen will, denke ich, wir sollten ihn sauber auskurieren, den BÄNDERRISS.

Jetzt zieht die Hierarchie unter Medizinern. Dyonisos steht stramm und leiert das volle Programm runter. Krücken, Schiene, Kühlen, Hochlagern, Heparinspritzen. Schwimmen im Urlaub? Lassen Sie lieber! Lassen Sie am besten den ganzen Urlaub bleiben, das lohnt eh nicht.

Ui, jetzt wird er gemein. Mein Urlaub lohnt sich immer, lächele ich und beschließe, den Bauchspeck unter der Bikinihose zuerst zu perforieren, denn Heparin macht scheußliche blaue Flecken.

Während ich zurück zum Auto krücke, halte ich nach dem schwarzen Lockenkopf Ausschau, denn ich würde ihm fast zutrauen, hinter einem parkenden Auto hervor zu springen, mir die Krücke wegzutreten und mit dem Schrei Gebrochen! die behaarte Faust gen Himmel zu recken.

Advertisements

~ von danielag - Montag, 22. Juni 2009.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

 
%d Bloggern gefällt das: